„Tablets statt Hefte“ Für Schülerinnen und Schüler ist die Digitalisierung selbstverständlich

Eindrücke vom Schülerworkshop „Digitalisierung“ im Kreisgymnasium Neuenburg am Rhein.
Ende Januar 2019 nahmen mehr als 50 Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 bis Klasse 9 am Workshop Digitalisierung im Kreisgymnasium Neuenburg am Rhein teil, darunter Teilnehmer der AG Digitalisierung und Lehrkräfte. Die Veranstaltung fand im Rahmen eines World-Café Formats statt.

Schulleiter Rainer Kügele und Franz-Reinhard Habbel begrüßten die Teilnehmer. Wolfgang Gerbig, Leiter des Kinder- & Jugendbüros der Stadt Neuenburg moderierte mit Franz-Reinhard Habbel den Workshop und stellte drei Szenarien vor, wie wir morgen leben werden. Es handelte sich um die Bereiche Einkaufen, Wohnen und Sicherheit und Mobilität. Konkret ging es um die Fragen: Welche Angebote kann die Stadt Neuenburg am Rhein machen? Wie sieht unser Schul- und Arbeitsalltag aus? Franz-Reinhard Habbel stellte die Frage „Was ist eine smarte Stadt?“ Dabei ging er besonders auf die Lebenswelt junger Menschen ein und die Rolle der Kommune, ihnen ein sicheres und zukunftsorientiertes Umfeld zu bieten. Nach den Einführungen wurden folgende Thementische gebildet: Jugend Apps, Digitalisierung und Umwelt, Digitalisierung und Gesundheit, Digitales Lernen und Schule, Digitalisierung und Verkehr und Digitalisierung und Einkauf/Ernährung. Die Vorschläge zu den Themen kamen ausschließlich von den Jugendlichen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten selbständig gut 45 Minuten an den Themen und schrieben ihre wichtigen Anliegen auf. Eine externe Moderation der Tische war nicht notwendig, die jeweiligen Gruppen organisierten sich eigenständig. Nach Ablauf der Erarbeitungsphase stellten die Jugendlichen die Ergebnisse dem Plenum vor. Das Engagement und das Interesse der Jugendlichen, sich in den Workshop einzubringen, war außerordentlich groß und qualifiziert.
 
Zum Thema „Wie kann eine Jugend App für Neuenburg aussehen?“ schlugen die Schülerinnen und Schüler vor, dass die App zum einen Informationen über jugendrelevante Veranstaltungen und Themen, zum anderen eine Karte mit allen jugendrelevanten Veranstaltungen und Themen sowie Institutionen und Anlaufstellen und deren Öffnungszeiten, Beratungsmöglichkeiten, Informationen etc. beinhalten sollte.
 
Thema Lernen in der Schule: Hier wurde der Einsatz von Tablets (Tablets statt Hefte) und elektronischen Tafeln vermisst. Auch im Bereich Digitalisierung sollte es eine Pflicht zur Lehrerfortbildung geben. Insgesamt ist die technische Ausstattung in der Schule und speziell in den Klassenräumen zu verbessern. Die Schülerspinde sollten mit Fingerabdruck geöffnet werden können. Krankmeldungen von Schülern sollten durch die Eltern über eine App erfolgen. Weiterhin kam aus den Reihen der Schülerinnen und Schülern ein Vorschlag, dass in den Schulen selber umweltfreundliche Suchmaschinen wie z.B. Ecosia verwendet sollten, die die Nutzung digitaler Technik mit neuen Baumpflanzaktionen verbinden.
 
Thema Mobilität: Besonders Thema war der Wunsch nach stündlichen Bus- und Zugverbindungen von Neuenburg am Rhein nach Freiburg, auch des nachts. Mobilität sollte auch umweltfreundlich sein. Für E-Autos sollte der Strom subventioniert werden um eine schnelle Markteinführung zu bekommen. Gefordert wurden auch Carsharing und Bikesharing Angebote. Im Mobilfunkbereich sollte der 5G-Standard überall ausgebaut werden. Auf dem traditionellen Nepomukfest sollte das WLAN nicht um 23.00 Uhr abgeschaltet werden. Auf Parkplätzen sollten mehr E-Ladestationen aufgestellt werden. Gefordert wurde ein Taxi/Uber-App. Jugendliche sollten nicht von öffentlichen Plätzen vertrieben werden, was hin und wieder passiert.
 
Thema Einkaufen & Essen: In Ladengeschäften könnten Kassierer und Kassiererinnen durch Roboter ersetzt werden. Gewünscht wurde ein Warenzustellung durch den örtlichen Einzelhandel. Darüber hinaus sollten mehr Warenautomaten eingesetzt werden. Das gilt besonders für regionales Gemüse. So könnten auch außerhalb der Öffnungszeiten Waren erworben werden. Im Ladengeschäft sollte auf dem eigenen Handy der Standort des zu kaufenden Produktes angezeigt werden können.
 
Thema Umwelt: Um den öffentlichen Nahverkehr zu stärken und die Umwelt zu schonen, sollten Bus- und Bahnverkehr ausgebaut werden. Lokale und regionale Informationen sollten über eine App verfügbar gemacht werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien sollte vorangetrieben werden, die städtischen Anlagen (z.B. Heizungsanlagen in den Schulen) digital und energiefreundlich gesteuert werden. Kostenfreies WLAN könnte als Belohnung für Tätigkeiten für die Gemeinde einen Anreiz darstellen. Fahrräder sollten in der Stadt über eine App kostenlos für Fahrten zur Verfügung gestellt werden.
 
Thema Gesundheit: Wartezeiten bei Ärzten könnten durch bessere Informationssysteme, die auch der Patient nutzen kann, verringert werden. Medizinische Werte könnten vom Patienten direkt an den Arzt gesendet werden. Vorgeschlagen wurde hier intelligente Armbänder zur Datenaufzeichnung. Zunächst müssten aber Fragen des Datenschutzes geklärt werden. Krankenbescheinigungen könnten elektronisch ausgestellt werden. Vorgeschlagen und diskutiert wurde auch der Vorschlag Chips zu implantieren. Hier gab es aber gegenteilige Meinungen.
 
Das Jugendbüro plant zu den Themen weitere Veranstaltungen, um interessierte Jugendliche intensiv auf die digitale Zukunft informativ aber auch kritisch vorzubereiten. So wird es eine Veranstaltung mit dem Jugendrat und dem Bürgermeister sowie Gemeinderäte der Stadt Neuenburg am Rhein geben. Dort werden ausgewählte Jugendliche, die an dem Workshop teilgenommen haben, über die Ergebnisse berichten.
 
Fazit: Die Veranstaltung brachte eindrucksvolle Ergebnisse. Insgesamt erarbeiteten die Jugendlichen sehr viele phantasievolle Szenarien, wie eine digitale Zukunft in Neuenburg am Rhein in bestimmten Bereichen aussehen könnte. Es zeigte sich, dass das Thema Digitalisierung von Jugendlichen viel entspannter gesehen wird, als von vielen Erwachsenen. So meinen viele Politiker, das Thema Digitalisierung müsste jetzt stärker in der Gesellschaft und Wirtschaft verankert werden. Für die Jugendlichen ist die Nutzung von Smartphones, der Instant-Zugang zu weltweit verfügbaren Informationen, oder die Kommunikation über soziale Netzwerke eine Selbstverständlichkeit ihres Lebens. Es ist nichts besonders. Die Tools und die Zugänge sind einfach da. Man nutzt sie, wenn man sie braucht. Jugendliche sind sich auch im Klaren, dass zum Beispiel die Geräte sich immer weiterentwickeln. Es ist ihnen egal, welcher Hype damit ausgelöst wird. Wenn sie einem nutzen, ist es gut, wenn nicht, lässt man es sein. Der Begriff Digitalisierung wird seine Faszination verlieren, in wenigen Jahren ist das Wort im Sprachgebrauch fast verschwunden. Weiter zeigte sich bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein hohes Bewusstsein an ökologischen Fragestellungen, so zum Beispiel den Verbrauch von Plastik zu reduzieren. Interessant war auch, das Themenfeld Einkaufen durch Ernährung zu ergänzen. Kontrovers wurde der Bereich Gesundheit diskutiert, hier gab es Aussagen wie, man sollte es freiwillig ermöglichen, sich einen Chip unter die Haut zu spritzen, um Gesundheitsdaten für Ärzte einfacher und schneller verfügbar zu machen. Andere widersprachen vehement diesen Vorschlägen und betrachteten das als ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Es zeigte sich der Beginn einer stärken Sensibilisierung des Themas Datenschutz.
 
 
 
Kurzinterview mit Herrn Bürgermeister Schuster
 
1. Wie wichtig war es Ihnen, junge Menschen in den Prozess der Erstellung der Digitalisierungsstrategie der Stadt Neuenburg mit einzubinden?
Für mich war es außerordentlich wichtig, gerade die Generation bei der Entwicklung unserer Strategie mit einzubinden, die mit den neuen Medien aufgewachsen ist. Der selbstverständliche Umgang mit digitalen Inhalten und auch Kommunikationsmöglichkeiten versetzt sie in die Lage, Ideen aufzuzeigen, an die wir so vielleicht nicht gedacht haben. Das Ergebnis des Workshops hat diese Einschätzung auch deutlich bestätigt.
 
2. Wird es weitere Gespräche mit Schülern und Jugendlichen geben, zum Beispiel im Jugendgemeinderat?
Selbstverständlich wollen wir zukünftig mit den Schülerinnen und Schülern an der Weiterentwicklung der Strategie arbeiten. Auch ist geplant, sie bei der konkreten Umsetzung einzelner Maßnahmen, sofern sie daran mitarbeiten wollen, zu beteiligen. Als mögliche Plattform bieten sich hierbei die Schulen mit der Unterstützung der Schulleitung und Lehrer an.
 
3. Wie kann die Kommunikation von Seiten der Stadt mit jungen Menschen verbessert werden?
Mit den klassischen Kommunikationsmöglichkeiten über Amtsblätter oder Informationsveranstaltungen ist es schwierig, junge Menschen für ein Thema zu gewinnen bzw. zu interessieren. Es müssen hier neue Wege beschritten werden, die aus diesen kommunikativen Einbahnstraßen, Informationskanäle werden lassen, die einen Ideen- und Wissensaustausch ermöglichen und auch fördern. Die jungen Menschen sollen in Ihrer Lebenswelt abgeholt werden und ihnen eine neue Perspektive für das kommunale Engagement aufgezeigt werden. Wie dies erfolgen kann, wollen wir nun gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeiten.