Ein Recht auf Wind in den Haaren

Initiative „Radeln ohne Alter“ macht Station im Seniorenzentrum St. GeorgEin Konvoi aus sechs Fahrrad-Rikschas mit 18 winkenden und fröhlichen Menschen – das hat Neuenburg noch nicht gesehen - bis ein Team des Vereins „Radeln ohne Alter“ auf einer Werbetour Station am Seniorenzentrum St. Georg machte. Und unternehmungslustige Heimbewohnerinnen und -bewohner die Gelegenheit nutzten, sich wieder einmal kräftig Fahrtwind durch die Haare blasen zu lassen.

Super Stimmung beim Start

Ein Grundrecht, sagt Rainer Jensen von „Radeln ohne Alter“, das nicht an ein bestimmtes Alter gebunden sein soll. Ehrenamtlich und in ihrer Freizeit sind sie unterwegs, die Pilotinnen und Piloten, wenn sie ihre Passagiere durch Stadt und Landschaft chauffieren, ihr Lohn sind das Lächeln und die Freude, die sie mit einer solchen Ausfahrt auf die Gesichter zaubern. „Ja mir sin mit’ m Velo do“ schallte es vielstimmig über den Hof des Seniorenzentrums, und dann setzten sich die Fahrzeuge mit Schwung in Bewegung. Ab, in Richtung Kreisel und dann über die Felder, und das bei strahlendem Spätsommerwetter. Vorneweg eine Rikscha mit den Passagieren Werner Hahn und Catrin Schuster, die als Ortskundige die Route zeigten und auch selbst ihren Spaß hatten.Ehrenamt einmal ganz anders„Radeln ohne Alter“ ist eine weltweite Bewegung, die 2012 in Dänemark ihren Ursprung nahm. Allein in Deutschland gibt es seit der Gründung im Februar 2017 bereits 21 Vereine, die unter dem Dachverband der Bonner zusammengeschlossen sind. Mit der Werbetour, die in vier Wochen 900 Kilometer vom Bodensee entlang des Rheins nach Bonn führt, wollen die Akteurinnen und Akteure für die Idee und die Gründung weiterer Gruppen werben. Und das tun sie am besten mit dem Angebot kostenloser Rundfahrten für ältere Menschen. Die Pilotinnen und Piloten selbst kommen aus allen Alters- und Bevölkerungsschichten, erzählte Rainer Jensen. Nach einer Schulung mit praktischem Teil erhalten sie ein Zertifikat. Die mit einem unterstützenden E-Motor ausgestatteten Rikschas des Vereins sind so gebaut, dass die Passagiere vorne sitzen. So haben sie freien Blick und können sich besser mit ihren Fahrerinnen und Fahrern unterhalten. Denn das ist ein weiteres wichtiges Anliegen des Vereins: Man kommt miteinander ins Gespräch. „Da kommen tolle Geschichten raus“, berichtete Jensen. Etwa wenn die Passagiere erzählen, wo sie mal gewohnt oder gearbeitet haben, wo sie früher selbst Fahrrad gefahren sind, was sie im Leben so gemacht haben. Und die Fahrerinnen und Fahrer dann von ihrem Leben erzählen, Familiengeschichten, Geschichten aus Beruf und Hobby, da verfliegt die Zeit im Nu.„Ich war total überrascht, dass es so etwas gibt“, meinte Elvira Riesterer, Teamleiterin in der Stadtverwaltung für Soziales, Bürger und Gesundheit, als die Anfrage im Rathaus eintraf, ob eine Senioreneinrichtung in Neuenburg an einer Rundfahrt mit den Rikschas interessiert sei. Das Seniorenzentrum St. Georg hatte sofort Interesse. „Diese Idee finden wir ganz toll“, bestätigte Hausleiter Markus Komp bei dem kleinen Empfang mit Getränken und Häppchen, den das Seniorenzentrum zur Ankunft der Rikscha-Truppe vorbereitet hatte. Und da herrschte schon ein reges Treiben, als sich die Interessentinnen und Interessenten mit und ohne Gehhilfen im Hof versammelten für das Abenteuer des Tages. In Neuenburg ist die Idee „Radeln ohne Alter“ auf fruchtbaren Boden gefallen: Mit dem verbliebenen Vermögen des sich demnächst auflösenden Fördervereins Soziale Dienste könne man doch eine oder zwei solcher Rikschas anschaffen, überlegten Hahn Schuster und Riesterer. Die Spezialanfertigung für komfortables und sicheres Fahren kostet zwischen acht- und elftausend Euro das Stück. Dass die Ausflügler auch in Neuenburg große Aufmerksamkeit und viele positive Reaktionen in der Stadt erfuhren, wundert Jensen nicht: „Es ist jedes Mal überwältigend“, fasst er seine Erfahrungen als Pilot und Vereinsmitglied zusammen.Infowww.radelnohnealter.dewww.cyclingwithoutage.org