Ein Jahr auf der „grünen Insel“.

Naturkindergarten feiert seinen ersten Geburtstag.

Seit rund einem Jahr ist der Neuenburger Naturkindergarten „Grüne Insel“ unter Leitung von Evelyne Dumont in Betrieb. Er liegt sehr zentral, an der Ecke zwischen Zähringer Straße und Römerstraße, neben dem Friedhof. Es ist ein kleines Naturparadies, dass die Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren zur Verfügung haben, das ganz ohne vorgefertigtes Spielzeug oder Klettergeräte auskommt. Zumindest fast. Im Sandelbereich sieht man dann doch Plastikeimer und -schaufel, was aber die Ausnahme ist. „Ich habe noch keinen Hersteller gefunden, der hierfür anderes Material anbieten würde,“ berichtet Dumont über ihre Suche. Aber es geht auch ohne Fertig-Spielzeug: „Die Kinder überlegen sich, was sie machen könnten, das ist ein richtiger Prozess. Wenn ihnen dann eingefallen ist, womit sie sich beschäftigen könnten, sind sie richtig stolz und haben an Selbstbewusstsein gewonnen.“, erläutert die Kindergartenleitung.
 
Für 20 Kinder bietet die Natureinrichtung Platz. Derzeit sind 14 Kinder angemeldet, zwei davon sind Schulanfänger, für die kommenden Monate liegen Anmeldungen neuer Kinder vor. Rückblickend auf die vier Jahreszeiten, die der Naturkindergarten zum ersten Mal durchlaufen hat, stellt Dumont fest, dass es für die Kinder gar keine Lieblingsjahreszeit gab, sondern man sich immer den äußeren Gegebenheiten angepasst hat. „Kinder bevorzugen Regenwetter,“, weiß die Erzieherin, „dann kommen sie hier schon mit leuchtenden Augen an.“. Frisches Regenwasser zum Spielen ist genauso angesagt wie nasser Sand und nasse Erde, mit denen man rummatschen kann. Ein Sonnensegel, das bei gutem Wetter Schatten spendet, wird bei Regen zum Auffangbecken für Regenwasser, das man entleeren und in einen Wasserfall verwandeln kann, wenn man mit einem Stock von unten das Tuch anhebt. „Auch, wenn im Winter die Außenbänke mit Frost bedeckt sind, lädt das zum Entdecken ein,“, erzählt die Erzieherin, die, wie ihre Kollegin Elisabeth Meier auch, eine Fortbildung als Naturpädagogin besitzt. „Die Kinder können dann im weißen Belag malen oder Schreibversuche starten.“.
 
Eine Regel besagt, dass beim Spielen draußen nichts von den Büschen gepflückt und gegessen werden darf. „Wir haben hier natürlich nichts Giftiges!“, betont die Leiterin, aber das ist nicht überall so, denn einmal wöchentlich unternehmen die Kinder einen Ausflug in den Wald, nahe dem Trimm-Dich-Pfad. Runter gefahren wird mit dem Bus, rauf in die Oberstadt wird dann gelaufen. Auch Feldspaziergänge werden regelmäßig durchgeführt. Wichtig ist bei allen Außenaktivitäten während der warmen Jahreszeit, dass regelmäßig ein Zeckencheck durchgeführt wird, wobei seit Kindergartenstart vor einem Jahr nahezu keine Zeckenstiche bei den Kindern vorkamen. „Auch sonst können wir beobachten, dass die Kinder kaum krank sind – und Magen-Darm-Erkrankungen hatten wir gar keine!“, freut sich Evelyne Dumont.
 
Als Vorteil erachtet sie die überschaubare Gruppengröße. Während alle Kinder in ihr Spiel vertieft sind, ist es richtig ruhig, man kann Vögel zwitschern hören. Und der natürliche Spielraum bietet den Kindern erstaunlich viel: Natürliche Verstecke unter Bäumen, eine Klettermöglichkeit auf den Baum hinauf, ja sogar Detektivarbeit kann geleistet werden, zum Beispiel dann, wenn die Kinder herausfinden wollen, von welchem Baum der merkwürdig aussehende Samen stammt. „Die Beobachtung der Natur geht den Kindern schnell in Fleisch und Blut über.“, erläutert die Kindergartenleitung und erzählt, dass im Winter an drei Futterhäuschen Vögel gefüttert wurden: „Waren wir dann zum Frühstücken in der Schutzhütte, kamen die Vögel an die Futterstellen und wir konnten sie von drinnen beobachten.“. Die Schutzhütte mit ausreichend Platz bietet den Kindern nicht nur dann Schutz, wenn draußen ein Unwetter tobt, sie lässt die Kinder zur Wespenzeit auch gefahrlos ihr Vesper verzehren.
 
Da sich in der Natur besonders Holz als Werkstoff zum Basteln und Spielen anbietet, absolvieren alle Kinder einen Werkzeugführerschein, der sie zum Bohren, Schleifen, Nageln und Sägen befähigt – natürlich immer unter Aufsicht. Auch das Schnitzen ist ein Zeitvertreib, den jedoch nur die Älteren erlernen. Zum 6. Geburtstag gibt es vom Kindergarten ein Schnitzmesser als Geschenk, mit dem dann beispielsweise Stücke angespitzt werden können Mit diesen provisorischen Stiften können die Kinder dann in der Erde malen oder schreiben.

Und wozu dient das Stück Feuerwehrschlauch, das zusammengerollt in einem Korb für die Kinder bereitsteht? „Das lässt sich ganz vielseitig nutzen,“, erläutert Dumont und rollt ein Stück Schlauch aus: „Die Kinder können es zum Seilziehen verwenden, es ist robust, oder sie legen es auf den Boden und balancieren darüber, oder man schneidet ein Stück ab, zieht dann Seile durch und schon hat man die Sitzfläche einer Schaukel, die man an starken Ästen aufhängen kann.“. Man muss also nur kreativ sein. Genau wie die Kinder, die einfach eine lange Holzlatte nehmen, diese quer über einen am Boden liegenden Stamm legen und somit eine einfache Wippe konstruiert haben.
 
Nachhaltigkeit hat sich die „Grüne Insel“ auf die Fahnen geschrieben, darum gehen die Erzieherinnen auch mit den Kindern in die Stadtbibliothek, denn Bücher ausleihen ist nachhaltiger als sie zu kaufen. Die Kinder werden in die Entscheidung, welche Bücher ausgeliehen werden sollen, mit einbezogen. Auch ein sinnvoller Umgang mit Ressourcen soll den Kindern vermittelt werden: Nicht unnötig viele Blumen abreißen und der Mutter überreichen, im Freien halten diese länger und dienen noch dazu den Bienen als Nahrungsquelle. Und mit Wasser wird nicht gespielt, es sei denn, es fällt gerade frisch vom Himmel. Auch beim Vesperbrot soll keine Plastik Umverpackung verwendet werden, sondern Papier. Mülltrennung wird im Naturkindergarten selbstverständlich auch betrieben. Es gibt neben dem normalen Biomüll noch einen speziellen Hühner-Biomüll, da eine Familie Hühner besitzt, die geeignete Reste noch fressen.
 
Und wie läuft das mit der Hygiene, wenn die Kinder den ganzen Tag draußen sind und Wasser gespart werden soll? „Hygiene ist ganz wichtig, wir achten darauf, dass die Kinder ihre Hände waschen und benutzen auch eine Nagelbürste, wenn gematscht wurde.“, erläutert die Einrichtungsleitung. Jeden Morgen holt die Gruppe gemeinsam am Friedhofs-Brunnen Wasser in einem Kanister, meist ist ein zweiter Gang am Tag nötig, um noch einmal nachzufüllen. Auch auf Feld- und Waldausflüge nimmt der Naturkindergarten einen Wasserkanister mit, wenn auch in etwas kleinerem Format, damit unterwegs die Hände gewaschen werden können. Nachhaltig ist auch die Holzschnitzeltoilette. „Die ist für uns schon ganz normal, nur Fremde finden sie etwas exotisch“, meint Evelyne Dumont, „und die neuen Kinder müssen sich erst daran gewöhnen, aber nach einer Woche ist auch diese Toilette schon zur Routine geworden.“.
 
Eingebettet ist das Freispiel in einen Tagesablauf, der mit dem Morgenkreis beginnt, bei dem über Wetter, Jahreszeit und Wochentag gesprochen wird. Dann folgt ein Frühstück, das Freispiel, bei dem vielleicht Besuch eines anderen Kindergartens kommt, oder ein Ausflug, den Abschluss bilden ein Vesper um 13 Uhr und dann der Abschlusskreis, bevor die Kinder um 14 Uhr abgeholt werden.