Einblick in die Stadtgeschichte und Grundlage für die Wissenschaft

Der dritte Band der Neuenburger Urkundenbücher ist erschienen, ebenso der Tagungsband der Neuenburger Historikertagung 2018Zwei neue Bücher stoßen weitere Fenster auf, durch die man Einblicke in die Stadtgeschichte von Neuenburg am Rhein im Hochmittelalter erhält. Jetzt wurde der dritte Band des Urkundenbuchs vorgestellt, in dem alle erhaltenen Urkunden von 1414 bis 1462 systematisch aufgeführt und in ein für Laien verständliches Deutsch übertragen sind.

Stelldichein der Autoren und Herausgeber der beiden neuen Publikationen zur Neuenburger Stadtgeschichte: v.l. Bürgermeister Joachim Schuster, Dr. Johanna Regnath, Dr. Heinz Krieg, Dr. Jürgen Treffeisen, Dr. Christoph Matt, Dr. Ulrich Parlow, Dr. Bertram Jenisch, Dr. Ursula Huggle und Stephan Kaltwasser.

Das zweite Buch, ebenfalls auf wissenschaftlichem Universitätsniveau, aber auch mit Unterhaltungsqualität, enthält die zwölf Vorträge, die bei der historischen Tagung zum Thema „Archäologie und Geschichte der Stadt in der Zähringerzeit“ im März 2018 gehalten wurden. Die wissenschaftlichen TagungenNovum bei der jüngsten Tagung, die seit 2002 im Vierjahresrhythmus in Zusammenarbeit mit der Abteilung Landesgeschichte des Historischen Seminars der Universität Freiburg in Neuenburg am Rhein veranstaltet wird: Erstmals war sie interdisziplinär historisch-archäologisch ausgerichtet, der Anlass ein ganz aktueller. Denn in Neuenburg am Rhein war 2012 bis 2015 im Zuge von anstehenden Bauarbeiten ein großes Areal des mittelalterlichen Stadtgrundrisses ausgegraben worden. Herausgeber des Bandes sind der Archäologe Stephan Kaltwasser, der die Grabungen geleitet hatte, und der Historiker Dr. Heinz Krieg, Akademischer Oberrat an der Universität Freiburg. Bürgermeister Joachim Schuster freute sich in seinem Grußwort über die große Resonanz der Neuenburger Tagungen in der Wissenschaft, die mit angeregt wurden durch die Freiburger Historikerin Dr. Ursula Huggle und den Historiker Dr. Jürgen Treffeisen. Fünf dieser „Tagungen in olympischem Rhythmus“ (Schuster) hat es inzwischen schon gegeben, die das Neuenburger Stadthaus kurzfristig zu einer Art Außenstelle der Universität Freiburg verwandelt hatten, in der sich namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Stelldichein gaben. Immer kreisten die Themenstellungen um Aspekte der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte am Oberrhein: 2002 um Burgen, Märkte und kleine Städte, 2006 um Kriege, Krisen und Katastrophen. 2010 ging es um die Rollen von Kloster und Stadt, 2014 um Schule und Bildung und 2018 um Archäologie und Geschichte. „Diese Tagungen sind eine schöne Werbung für unsere Stadt, und sie verschaffen uns neue Erkenntnisse oder vertiefen die bereits bestehenden“, sagte Schuster. Dass die Bände mit den gesammelten Vorträgen der Tagungen eine wichtige Ressource für wissenschaftliche Forschungen geworden sind, zeigt auch die Plattform ihrer Publikation: Nachdem die ersten drei als Sonderbände des Markgräfler Geschichtsvereins erschienen sind, werden sie seit 2014 in der wissenschaftlich renommierten Reihe „Forschungen zur Oberrheinischen Landesgeschichte“ in Verbindung mit dem alemannischen Institut Freiburg herausgegeben. Der Tagungsband von 2018 ist der 61. in dieser Reihe. Die Tagungen mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln bringen immer wieder auch neue Aspekte der Neuenburger Stadtgeschichte mit herein, denn die Stadt war in ihrer Blütezeit im Mittelalter bis etwa 1500 ein großer politischer Player in der damaligen politischen Landschaft. Die UrkundenbücherDiese Feststellung lässt sich erhärten durch die bisher 1241 Urkunden, in denen die Einwohner der Stadt als Handelnde und Betroffene in vielen Situationen agieren: Grundstücksangelegenheiten, Rechtshändel, gewerbliche Angelegenheiten und vieles mehr zeichnen ein lebenspralles Bild. Um dieses auch wissenschaftlichen Laien zu vermitteln, hat Prof. Dr. Jörg W. Busch, der zusammen mit Dr. Jürgen Treffeisen die Urkunden bearbeitet hat, zwei Essays verfasst, in denen fiktiv Situationen der damaligen Lebenswirklichkeit nachgezeichnet werden anhand der Informationssplitter, die die Urkunden hergeben: Eine Rheinreise von Basel nach Neuenburg am Rhein und Neuenburger Wirtshausgespräche. Einige prägnante Illustrationen visualisieren die Lektüre. Ein Glossar am Ende des Buches, dazu ein ausführliches Register zu Orten und Personen ermöglichen eine schnelle Orientierung. Dass diese Urkunden in einer solch „sensationellen Zahl“ (Treffeisen) überhaupt erhalten sind, nachdem Naturkatastrophen und Kriege ab dem 17. Jahrhundert von der Bausubstanz und der Bedeutung der alten Stadt fast nichts mehr übrig gelassen hatten, grenzt fast an ein Wunder. Die wertvollen Papiere waren in so genannten Fluchtkisten aufbewahrt, die beherzte Bürger oder Amtsleute bei Gefahr an einen sicheren Ort schafften. Auch die Bergung und Zusammenführung dieser historischen Schätze war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Bereits 1991 hatte der damalige Hauptamtsleiter und heutige Stadtarchivar Winfried Studer angeregt, die Urkunden systematisch zu erfassen und hatte damit beim damaligen Bürgermeister Max Schweinlin ein offenes Ohr gefunden. Aber es dauerte lange, bis die Schriftstücke in Archiven von Basel über Straßburg und Karlsruhe bis nach Innsbruck aufgespürt und zusammengeführt waren, bevor die eigentliche Arbeit des Übersetzens und Katalogisierens beginnen konnte. Von Anfang an beteiligt war Dr. Jürgen Treffeisen, wie sich dieser in seinem Redebeitrag erinnerte. Dass die Finanzierung dieses Jahrhundertprojekts stets geklappt hatte, sei dem Gemeinderat der Stadt zu verdanken, ebenso den Hauptsponsoren Sparkasse Markgräflerland, Hedi-Studer-Stiftung und anonymen privaten Geldgebern, sagte Treffeisen. Mit beiden Veröffentlichungen ziele man sowohl auf die wissenschaftliche als auch auf die bürgerliche Leserschaft. Treffeisen ist zuversichtlich, dass bald mit einem vierten Band bis zum Jahr 1500 die Ausgabe der Neuenburger Urkunden abgeschlossen werden kann. Insgesamt seien dann 1655 Urkunden erfasst. „Ein Grundlagenwerk für die Wissenschaft“, sagt der Historiker.