Kaiser Karl VI. erhebt den Neuenburger Bürger Franz Josef von Weiß in den Adelsstand
Über dem Eingangsportal des Hauses Basler Straße 3, das nach den Plänen des Hirschenwirts Theodor Wenk nach dem Wiederaufbauplan Neuenburgs nach 1940 wieder ein Gasthaus werden sollte, befi ndet sich im Schlussstein ein Wappen, dessen Herkunft und Bedeutung vielen unbekannt ist. In den 1950er Jahren wurde in Neuenburg eine Straße nach dem Träger des Wappens, Franz Josef von Weiß, benannt, der 1736 von Kaiser Karl VI. in den Adelsstand erhoben worden war. Über seine Verdienste um die Stadt ist in Neuenburg am Rhein sehr wenig bekannt, weil das Stadtarchiv im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden ist.
Die Urkunde über die Erhebung von Franz Josef von Weiß in den Adelsstand vom 14. Mai 1736 war im Besitz von Theodor Wenk und konnte nach dessen Tod zunächst nicht mehr gefunden werden. Theodor Wenk, der mit dem Staufener Bürgermeister Eckart Ulmann in freundschaftlichem Kontakt stand, hatte diesem die Urkunde zur Erinnerung an dessen verwandtschaftliche Verbindung nach Neuenburg am Rhein geschenkt. Der Adelsbrief, gesiegelt mit „Unserem Kayser: König und rzherzoglich anhängenden grösseren Siegel“, trägt die Unterschrift des Kaisers, „Carl VI.“ Durch diesen Adelsbrief erfahren wir Näheres über Franz Josef von Weiß.
Franz Josef Weiß entstammte der gleichnamigen Neuenburger Familie. Wie im Adelsbrief berichtet wird, hatte Weiß sich im 17. und 18. Jahrhundert um die „völlig ruinierte V:O. [Vorder-Österreichische] Stadt Neüeburg“ in besonderer Weise verdient gemacht. Der Kaiser dankte Franz Josef Weiß mit der Erhebung in den Adelsstand auch für „seine getreuen Dienste, welche er dem heiligen Römischen Reich und dem Durchleüchtigsten Erzhaus sowohl zu Kriegs: als friedens-Zeiten in vielerlei wege“ erwiesen hatte.
Franz Josef Weiß habe „sich von Jugend auf dahin bemühet, seine von Gott ihm verliehene Gemüths:Gaben zu Unserm allerhöchsten Dienst anzuwenden, wie er dan nach zuruckgelegten Studir:Jahren unter anderen wohl anständigen Wissenschaften sich haubtsächlich auf die Ingenieur:Kunst mit solch:ohnermüdeten Fleiß begeben, daß derselbe in disen letzteren im Heiligen Römischen Reich fürgewesten Französischen Krieg nebst Unserm Generalen von Schmettau viele nuz und staatliche Dienste erwiesen.“
Kaiser Karl VI. würdigte dieses Engagement mit der Standeserhebung des Weiß: „Als haben wir mit wohlbedachten Muth gutem Rath und rechtem Wissen ermeldtem Franz Joseph Weiß die sonderbahre Gnad gethan, und ihn sambt aller seiner Ehelichen Leibs Erben und derenselben Erbens Erben Manns und Weibs:Personen in ewige Zeit in den Stand, Grad, Ehr und Würde des Adels Unserer und des Heiligen Römischen Reichs erhebt“. Mit der Adelserhebung verbunden war auch die Verleihung und das Recht zur Führung des Wappens, das am Haus Basler Straße 3 angebracht ist. Im Adelsbrief ist es ebenfalls zu sehen und wird ausführlich beschrieben.
Auf kaiserliche Anweisung vom 4. Mai 1736 wurde der Adelsbrief von der Hofkanzlei ausgefertigt, nach dem Franz Joseph Weiß am selben Tag in den Adelsstand mit dem Prädikat „von“ erhoben wurde. Die mehrseitige Urkunde, für den Neugeadelten der Beweis für die Standeserhebung, ist “gegeben auf Unserem Schloß zu Laxenburg , Carl VI“. Der vom Kaiser genehmigte Entwurf für „Nobilitation, Wappen und Predicat Von Weiß für Franz Joseph Weiß V:Ö [Vorder-Österreichischen] Secretariats Accesisten“ Wien befindet sich in der Hofkammer des Staatsarchivs in Wien.
Der Name der Familie Weiß ist mit zwei traditionsreichen Neuenburger Gasthäusern verbunden, die im Zweiten Weltkrieg allerdings zerstört und danach nicht mehr in Betrieb genommen wurden: dem Schlüssel in der heutigen Basler Straße 3 und dem daneben in der Schlüsselstraße gelegenen Hirschen. Zum Zeitpunkt der Adelserhebung des Franz Josef von Weiß war die Familie Weiß bereits seit Längerem in Neuenburg am Rhein verwurzelt. Erstmals finden wir im Ortssippenbuch mit Andreas Weiß einen Träger dieses Namens. Beim Wiederaufbau der 1675 im Holländischen und 1704 im Spanischen Erbfolgekrieg vollständig zerstörten Stadt waren die Familie Weiß und der später geadelte Ingenieur Franz Josef Weiß maßgeblich beteiligt.
Dabei kam es auch zu Konflikten. Der Heimatforscher Konstantin Schäfer berichtet: „Der Ratsherr und Schlüsselwirt Johann Michael Weiß führte einen unerbittlichen Kampf mit dem Stadtpfarrer Johann Jakob Christen zum Schaden der Stadt, aus dem Willen beider der Stadt zu nützen“.
Im Jahr 1806 baute der Sohn des Schlüsselwirts, Josef Weiß, neben dem Schlüssel das Gasthaus Hirschen. Weiß’ Tochter Katharina, verheiratet mit Anton Wettlin aus Steinenstadt, übernahm dieses Gasthaus 1824. Deren Tochter Rosa Wettlin heiratet Theodor Wenk aus Rheinweiler. Beide führten den Hirschen ab 1850. Über ihren Sohn Emil kam das Gasthaus schließlich an Theodor Wenks gleichnamigen Enkel, der die Adelsurkunde des Franz Josef von Weiß später an den Staufener Bürgermeister verschenkte.
Der Familienname Weiß starb mit dem 1870 verstorbenen Bürgermeister und Schlüsselwirt Franz Weiß (*um 1764) aus, dessen Ehe mit Rosa Neumayer aus Heitersheim kinderlos blieb. Das Gasthaus Schlüssel, Erbe der Nichte Theresia Neumayer, kam schließlich in den Besitz des legendären Neuenburger Bürgermeisters Erhard Witz, der für seinen großbürgerlichen Lebenswandel bekannt war.
In der Reihe „Historisches Schaufenster“ erscheinen Beiträge des Stadthistorikers und langjährigen Ratschreibers der Stadt Neuenburg am Rhein, Winfried Studer.


